Trendanalyse 2026: Online-Fertigung in der Blechbearbeitung
Markus Hannes Winter erläutert anhand seiner mehr als zwölfjährigen Erfahrung im Bereich Online-Fertigungssoftware und seiner Zusammenarbeit mit Herstellern weltweit, warum er davon überzeugt ist, dass die Online-Fertigung die Blechbearbeitungsbranche grundlegend verändern und zum nächsten großen Wettbewerbsvorteil werden wird.
Trendanalyse 2026: Online-Fertigung in der Blechbearbeitung
Trends
Markus Hannes Winter erklärt auf Basis von mehr als 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung von Software für Online-Fertigung und der Zusammenarbeit mit Fertigungsunternehmen weltweit, warum er davon überzeugt ist, dass die Online-Fertigung die Blechindustrie grundlegend verändern und zu einem der nächsten großen Wettbewerbsvorteile werden wird.
Zusammenfassung
Seit Jahrzehnten investiert die blechverarbeitende Industrie intensiv in Produktionstechnologie. Laserschneidanlagen wurden schneller, Biegezellen stärker automatisiert, Roboter hielten Einzug in die Fertigung und ERP- sowie MES-Systeme verbesserten die Produktionsplanung. Fertigungsunternehmen haben kontinuierlich optimiert, wie Bauteile produziert werden.
Meiner Meinung nach wird der nächste große Wettbewerbsvorteil jedoch nicht daraus entstehen, Bauteile noch schneller zu produzieren, sondern daraus, sie intelligenter zu verkaufen.
In den vergangenen Jahren hatte ich die Möglichkeit, eng mit Fertigungsunternehmen in Europa, Nordamerika, Australien, dem Nahen Osten und Asien zusammenzuarbeiten. Obwohl sich diese Unternehmen hinsichtlich Größe, Marktausrichtung und Fertigungsmöglichkeiten unterscheiden, begegne ich immer wieder bemerkenswert ähnlichen Herausforderungen.
Engineering-Teams sind mit Angebotsanfragen überlastet. Vertriebsabteilungen haben Schwierigkeiten, mit den steigenden Erwartungen ihrer Kunden Schritt zu halten. Fertigungsunternehmen erhalten mehr Anfragen als je zuvor, benötigen jedoch häufig eine oder sogar zwei Wochen, um ein Angebot zu erstellen. Gleichzeitig erwarten Einkaufsabteilungen jene Geschwindigkeit und Transparenz, die sie aus anderen Branchen längst gewohnt sind.
Ich glaube, dass wir uns einem Wendepunkt nähern.
So wie die CNC-Technologie in den 1980er- und 1990er-Jahren die Produktion grundlegend verändert hat, beginnt Online Manufacturing heute, die kaufmännische Seite der Fertigungsindustrie zu verändern.
Dieser Artikel spiegelt meine persönlichen Beobachtungen aus vielen Jahren der Zusammenarbeit mit Fertigungsunternehmen weltweit wider und erklärt, warum ich davon überzeugt bin, dass Online Manufacturing in den kommenden zehn Jahren grundlegend verändern wird, wie Blechbauteile gekauft und verkauft werden.
Die Produktion wurde automatisiert – der Vertrieb jedoch nicht
Wenn über digitale Transformation in der Fertigungsindustrie gesprochen wird, beginnt die Diskussion fast immer bei der Produktion.
- Industrie 4.0
- Automatisierung
- Smart Factories
- Digitale Zwillinge
- Maschinenvernetzung
Diese Technologien haben die Fertigungsindustrie zweifellos grundlegend verändert.
Wer heute eine moderne Blechfertigung betritt, findet hochautomatisierte Laserschneidanlagen, robotergestützte Biegezellen, automatische Lagersysteme, leistungsfähige ERP-Systeme und zunehmend vernetzte Produktionsumgebungen.
Der Shopfloor hat sich dramatisch verändert.
Doch eine Frage beschäftigt mich immer wieder:
Warum verkaufen so viele Fertigungsunternehmen ihre Produkte noch beinahe genauso wie vor zwanzig Jahren?
Auch heute sieht der kaufmännische Prozess häufig erstaunlich vertraut aus.
- Ein Kunde sendet eine E-Mail mit einer STEP-Datei im Anhang
- Ein Kalkulator lädt die Datei herunter
- Das CAD-Modell wird manuell geprüft
- Material- und Fertigungskosten werden berechnet
- Ein Angebot wird erstellt
- Der Kunde erhält ein PDF
- Es folgen mehrere E-Mails
- Verhandlungen beginnen
- Erst danach startet die Produktionsplanung
In vielen Unternehmen bindet dieser Prozess noch immer deutlich mehr Engineering-Zeit, als eigentlich notwendig wäre. Aus meiner Sicht liegt genau hier eines der größten zukünftigen Produktivitätspotenziale unserer Branche.
Die Digitalisierung der Fertigungsindustrie ist bislang nur zur Hälfte abgeschlossen. Wir haben die Produktion automatisiert. Jetzt müssen wir auch den kaufmännischen Prozess automatisieren.
Überall dieselben Gespräche
Eines der größten Privilegien beim Aufbau von Oroox war für mich die Möglichkeit, Fertigungsunternehmen zu besuchen und mit Managementteams in vielen unterschiedlichen Ländern zu sprechen.
Ob ich in Deutschland in einem Besprechungsraum sitze, eine Produktion in den Niederlanden besuche, mit Fertigungsunternehmen in den USA über digitale Transformation spreche oder neue Technologien in Australien präsentiere – ich bin immer wieder überrascht, wie ähnlich die Gespräche verlaufen.
- Andere Sprachen
- Andere Kulturen
- Andere Maschinen
Fast jeder Geschäftsführer erzählt mir eine Variante derselben Geschichte.
„Wir erhalten mehr Angebotsanfragen als je zuvor.“
„Unsere Ingenieure verbringen zu viel Zeit mit der Angebotserstellung.“
„Erfahrene Kalkulatoren zu finden, ist extrem schwierig geworden.“
„Kunden erwarten Antworten wesentlich schneller, als wir sie liefern können.“
Ein Thema taucht in beinahe jedem Gespräch auf.
Fertigungsunternehmen verlieren zunehmend Anfragen, nicht weil sie die Bauteile nicht fertigen könnten und nicht weil ihre Preise zu hoch wären, sondern weil sie schlicht nicht schnell genug antworten können.
Bei vielen Unternehmen, mit denen ich gesprochen habe, sind Durchlaufzeiten von ein bis zwei Wochen für die Angebotserstellung bei kundenspezifischen Blechbauteilen noch immer überraschend üblich.
Für viele Unternehmen ist das normal geworden.
Für heutige Kunden wird es zunehmend inakzeptabel.
Einkaufsabteilungen arbeiten unter enormem Zeitdruck.
Wenn ein Lieferant innerhalb weniger Sekunden ein technisch belastbares Angebot liefert, während ein anderer zehn Arbeitstage benötigt, ist der Beschaffungsprozess häufig bereits weit fortgeschritten, lange bevor Fertigungsqualität oder technisches Know-how überhaupt bewertet werden können.
Mit anderen Worten: Fertigungsunternehmen verlieren zunehmend Aufträge, bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatten, im Wettbewerb anzutreten.
Ich glaube, dass die Geschwindigkeit der Angebotserstellung still und leise zu einem der wichtigsten Wettbewerbsvorteile unserer Branche geworden ist.
Ein hervorragender Fertiger zu sein, reicht heute nicht mehr aus.
Kunden müssen auch schnell Zugang zu dieser Leistungsfähigkeit erhalten.
Was unsere Marktforschung gezeigt hat und was wir täglich erleben
Bei Oroox wollten wir verstehen, ob diese Gespräche lediglich einzelne Erfahrungen widerspiegeln oder auf eine breitere Veränderung innerhalb der europäischen Fertigungsindustrie hinweisen.
Um diese Frage zu beantworten, haben wir eine eigene Marktforschung durchgeführt und blechverarbeitende Unternehmen in ganz Europa zu ihrer Einschätzung von Online Manufacturing und digitalem Vertrieb befragt.
Die Ergebnisse bestätigten viele meiner eigenen Beobachtungen.
69 Prozent der von uns befragten Fertigungsunternehmen sind der Meinung, dass Online Manufacturing künftig ein wichtiger Bestandteil ihrer Unternehmensstrategie sein wird.
Noch interessanter ist, dass 43 Prozent bereits die strategische Entscheidung getroffen haben, in Online Manufacturing zu investieren, während weitere 26 Prozent diese Möglichkeit derzeit aktiv prüfen, jedoch noch keine endgültige Entscheidung getroffen haben.
Das bedeutet, dass bereits nahezu sieben von zehn Fertigungsunternehmen erkennen, dass digitaler Vertrieb künftig eine wichtige Rolle für ihr Geschäft spielen wird.
Doch die vielleicht interessanteste Erkenntnis war nicht, ob Unternehmen online gehen möchten.
Sondern warum.
Auf die Frage nach ihrer wichtigsten Motivation zeichneten die Antworten ein klares Bild davon, wohin sich die Branche entwickelt.
- 51 % möchten ihre Kundenreichweite vergrößern, indem sie ihre Fertigungsleistungen für neue regionale und internationale Märkte zugänglich machen.
- 47 % möchten Angebots- und Bestellprozesse vereinfachen, manuelle Arbeit reduzieren und Reaktionszeiten deutlich verkürzen.
- 29 % möchten ihre operative Effizienz durch Automatisierung und standardisierte digitale Workflows steigern.
Was ich dabei besonders interessant finde, ist, dass Fertigungsunternehmen Online Manufacturing vor allem aus zwei strategischen Gründen verfolgen.
Der erste ist Wachstum. Mehr als die Hälfte der von uns befragten Unternehmen sieht Online Manufacturing als Möglichkeit, Kunden außerhalb ihrer bisherigen geografischen Märkte zu erreichen und ihre Leistungen über digitale Vertriebskanäle rund um die Uhr verfügbar zu machen.
Der zweite ist Effizienz. Fast die Hälfte der Befragten konzentriert sich vor allem darauf, interne Angebots- und Auftragsprozesse zu vereinfachen. Während das Anfragevolumen weiter steigt und erfahrene Kalkulatoren immer schwieriger zu finden sind, erkennen Fertigungsunternehmen zunehmend, dass Automatisierung entscheidend ist, um ihr Geschäft skalieren zu können, ohne gleichzeitig den administrativen Personalaufwand proportional erhöhen zu müssen.
Für mich bestätigen diese Ergebnisse das, was ich Woche für Woche in Gesprächen mit Fertigungsunternehmen höre. Online Manufacturing wird nicht mehr nur als E-Commerce-Initiative betrachtet. Es entwickelt sich zu einer strategischen Unternehmenstransformation, die es Fertigungsunternehmen ermöglicht, zu wachsen, ihre operative Leistungsfähigkeit zu verbessern und gleichzeitig jenes digitale Einkaufserlebnis zu bieten, das moderne Industriekunden zunehmend erwarten.
Quelle: Oroox Market Research 2026 – Interviews with sheet metal manufacturers across Europe.
Warum mich diese Transformation an die Druckindustrie erinnert
Wenn ich Fertigungsunternehmen die Online-Fertigung vorstelle, ziehe ich häufig einen Vergleich zu einer anderen Branche, die eine bemerkenswert ähnliche Transformation erlebt hat.
Die kommerzielle Druckindustrie.
Vor zwanzig Jahren sah die Bestellung von Druckprodukten sehr ähnlich aus wie heute die Bestellung kundenspezifischer Fertigungsteile.
Kunden forderten Angebote per E-Mail oder telefonisch an.
Druckdaten wurden mehrfach ausgetauscht.
Vertriebsmitarbeiter erstellten Angebote manuell.
Freigaben mussten eingeholt werden.
Die Produktionsplanung begann erst nach zahlreichen administrativen Schritten.
Der Prozess funktionierte.
Aber er war langsam.
Dann kamen Online-Druckplattformen auf den Markt.
Plötzlich konnten Kunden ihre Druckdaten hochladen, Produkte konfigurieren, Preise unmittelbar erhalten, online bestellen und den Produktionsstatus verfolgen, ohne bei Standardaufträgen mit einem Vertriebsmitarbeiter sprechen zu müssen.
Viele traditionelle Druckereien glaubten anfangs, dass sich dieses Modell niemals auf breiter Basis durchsetzen würde.
Sie argumentierten, dass jeder Auftrag anders sei.
Dass Kunden persönliche Beratung erwarteten.
Dass Druckprodukte schlicht zu komplex für eine Onlinebestellung seien.
Die Entwicklung des Marktes zeigte etwas anderes.
Heute werden, abhängig von Land und Marktsegment, schätzungsweise 30 bis 40 Prozent des kommerziellen Druckgeschäfts über Onlinebestellkanäle generiert, bei standardisierten Produkten zum Teil noch deutlich mehr.
Was sich verändert hat, war nicht die Drucktechnologie.
Druckmaschinen druckten weiterhin.
Der Produktionsprozess blieb weitgehend derselbe.
Der kaufmännische Prozess veränderte sich.
Standardaufträge wanderten ins Internet.
Administrative Routinetätigkeiten wurden automatisiert.
Vertriebsteams konzentrierten sich stärker auf komplexe, hochwertige Projekte, bei denen ihre Erfahrung und Expertise den größten Mehrwert schaffen.
Wenn ich heute auf die blechverarbeitende Industrie blicke, erkenne ich dasselbe Muster.
Fertigung ist zweifellos komplexer als Druck.
Wir analysieren CAD-Modelle statt Druckdaten.
Wir prüfen Fertigbarkeit statt Druckfähigkeit.
Wir kalkulieren Fertigungswege, Biegefolgen, Materialausnutzung, Werkzeuge, Toleranzen und Logistik.
Doch Komplexität verhindert digitale Transformation nicht.
Sie erfordert lediglich leistungsfähigere und intelligentere Software.
Meiner Meinung nach stehen wir heute am Beginn einer ähnlichen Entwicklung.
So wie Online-Druck zu einem selbstverständlichen Weg geworden ist, Druckprodukte zu beschaffen, wird Online Manufacturing zu einem selbstverständlichen Weg werden, Fertigungsteile einzukaufen.
Nicht weil dadurch Menschen ersetzt werden.
Sondern weil Menschen sich dadurch stärker auf jene Aufgaben konzentrieren können, bei denen sie den größten Mehrwert schaffen.
Und ich glaube, dass diese Transformation gerade erst begonnen hat.
Ein Blick nach vorne: Meine Perspektive auf die Zukunft der Online-Fertigung
Eine Frage wird mir beinahe überall gestellt.
„Wo wird die Fertigungsindustrie Ihrer Meinung nach in zehn Jahren stehen?“
Ich beantworte diese Frage immer mit Vorsicht, denn die Zukunft vorherzusagen ist schwierig. Technologie entwickelt sich selten exakt so, wie wir es erwarten. Unerwartete Innovationen entstehen, Märkte verändern sich und das Verhalten von Kunden entwickelt sich oft schneller, als irgendjemand vorhersehen kann.
Dennoch gibt es nach vielen Jahren der Zusammenarbeit mit Fertigungsunternehmen weltweit mehrere Entwicklungen, die sich meiner Meinung nach immer deutlicher abzeichnen.
Fertigung wird zunehmend kundengetrieben
Über Jahrzehnte hinweg haben Fertigungsunternehmen weitgehend vorgegeben, wie ihre Kunden einkaufen mussten.
Kunden passten sich ihren Lieferanten an.
Sie akzeptierten lange Angebotszyklen.
Sie akzeptierten manuelle Kommunikation.
Sie akzeptierten begrenzte Transparenz.
Sie akzeptierten Wartezeiten.
Ich glaube, dass sich dieses Verhältnis grundlegend verändert.
Fertigungsunternehmen werden ihr Geschäft künftig zunehmend an dem Einkaufserlebnis ausrichten, das ihre Kunden bevorzugen.
- Kunden werden erwarten, CAD-Dateien jederzeit hochladen zu können
- Sie werden unmittelbares technisches Feedback erwarten
- Sie werden transparente Preise erwarten
- Sie werden erwarten, den Produktionsfortschritt in Echtzeit verfolgen zu können
- Sie werden digitale Kommunikation als ebenso selbstverständlich ansehen, wie wir heute Onlinebanking betrachten
Nicht weil Kunden ungeduldiger werden
Sondern weil sich jede andere Branche bereits verändert hat.
Die Fertigungsindustrie holt lediglich auf.
Die Website wird zum digitalen Eingangstor jeder Fabrik
Heute funktionieren viele Websites von Fertigungsunternehmen noch immer hauptsächlich wie digitale Broschüren.
- Sie beschreiben das Unternehmen.
- Sie präsentieren Maschinen
- Sie zeigen Zertifizierungen
- Sie stellen Kontaktinformationen bereit
Meiner Meinung nach wird sich das grundlegend verändern.
Die Website eines Fertigungsunternehmens wird zum digitalen Eingangstor der Fabrik selbst.
Statt lediglich über Fertigungsmöglichkeiten zu lesen, werden Kunden direkt mit ihnen interagieren.
- Sie werden Bauteile hochladen.
- Fertigbarkeitsinformationen erhalten.
- Angebote generieren.
- Bestellungen auslösen.
- Produktionsfreigaben erteilen.
- Den Fertigungsfortschritt verfolgen.
- Rechnungen verwalten.
- Zertifikate herunterladen.
- Bestehende Bauteile erneut bestellen.
Die Website wird kein reines Marketinginstrument mehr sein.
Sie wird zu einem integralen Bestandteil des Fertigungsbetriebs.
Engineering wird wertvoller – nicht weniger wichtig
Eine Sorge, die ich regelmäßig höre, ist, dass zunehmende Automatisierung die Bedeutung von Ingenieuren reduzieren könnte.
Persönlich glaube ich, dass das Gegenteil der Fall sein wird.
Routinetätigkeiten im Engineering werden zunehmend automatisiert.
Komplexes Engineering wird dadurch noch wertvoller.
Die besten Ingenieure werden weniger Zeit mit der Vorbereitung von Angeboten verbringen und mehr Zeit damit, anspruchsvolle fertigungstechnische Herausforderungen zu lösen.
Statt Preise manuell zu kalkulieren, werden sie Fertigungsregeln verbessern.
Statt Daten manuell in ERP-Systeme zu übertragen, werden sie Produktionsprozesse optimieren.
Statt wiederkehrende Kundenanfragen per E-Mail zu beantworten, werden sie enger mit Kunden an innovativen Produkten arbeiten.
Technologie hat die Arbeit von Ingenieuren schon immer verändert.
Sie hat die Bedeutung technischer Expertise nie reduziert.
Ich sehe keinen Grund, warum zunehmende Automatisierung daran etwas ändern sollte.
Daten werden zu einem der wertvollsten Vermögenswerte der Fertigungsindustrie
Über viele Jahre hinweg haben Fertigungsunternehmen vor allem in Maschinen investiert.
In Zukunft werden sie meiner Meinung nach ebenso konsequent in Daten investieren.
- Jedes Angebot
- Jeder Fertigungsauftrag
- Jede fertigungstechnische Entscheidung
- Jede technische Korrektur
- Jede Produktionsabweichung
- Jede Kundeninteraktion
All diese Informationen werden zu wertvollem Wissen.
Fertigungsunternehmen, die aus ihren eigenen operativen Daten lernen und diese systematisch nutzen, werden Kalkulationsgenauigkeit, Produktionsplanung, Lieferzeitprognosen und Kundenservice kontinuierlich verbessern.
Unternehmen, die diese Möglichkeit ignorieren, werden zunehmend gegen Wettbewerber antreten, deren Prozesse mit jedem bearbeiteten Angebot besser und präziser werden.
Manufacturing Commerce wird zum Wettbewerbsvorteil
Heute konkurrieren Fertigungsunternehmen häufig über:
- Maschinenkapazität
- Fertigungsqualität
- Liefertreue
- Technisches Know-how
Diese Faktoren werden immer wichtig bleiben.
Doch ich glaube, dass ein weiterer Wettbewerbsfaktor entsteht.
Die Fähigkeit, den Einkauf außergewöhnlich einfach zu machen.
- Kunden erinnern sich an Erfahrungen
- Sie erinnern sich daran, wie schnell Angebote vorlagen
- Wie transparent die Kommunikation war
- Wie einfach die Bestellung funktioniert hat
- Wie zuverlässig und planbar die Lieferung war
Fertigungsunternehmen, die Reibungsverluste im Einkaufsprozess reduzieren, werden sich zunehmend differenzieren – nicht nur durch technische Exzellenz, sondern auch durch das Kundenerlebnis.
Mein Rat an Fertigungsunternehmen
Wenn es eine Lektion gibt, die ich während meiner beruflichen Laufbahn gelernt habe, dann diese: Digitale Transformation sollte niemals mit Technologie beginnen.
Sie sollte mit dem Kunden beginnen.
Statt zu fragen:
„Welche Software sollen wir kaufen?“
ermutige ich Fertigungsunternehmen dazu, andere Fragen zu stellen.
- Wie möchten unsere Kunden tatsächlich bei uns einkaufen?
- Wo verlieren wir intern Zeit?
- Welche manuellen Tätigkeiten schaffen keinen zusätzlichen Mehrwert?
- Wie können unsere Ingenieure mehr Zeit mit tatsächlichem Engineering verbringen?
- Wie können wir es einfacher machen, mit uns Geschäfte zu machen?
Die Auswahl der richtigen Technologie wird wesentlich einfacher, sobald diese Fragen beantwortet sind.
Meine persönliche Prognose
Menschen fragen mich gelegentlich, welcher Anteil des Fertigungsgeschäfts meiner Meinung nach irgendwann online abgewickelt werden wird.
Die ehrliche Antwort ist: Niemand weiß es.
Aber die Geschichte liefert hilfreiche Hinweise.
Vor zwanzig Jahren glaubten nur wenige Menschen, dass sich die kommerzielle Druckindustrie zu einem überwiegend digitalen Vertriebsgeschäft entwickeln würde.
Heute macht die Onlinebestellung einen erheblichen Anteil dieses Marktes aus.
- Reisen haben sich verändert
- Banking hat sich verändert
- Der Einzelhandel hat sich verändert
- Versicherungen haben sich verändert
- Software hat sich verändert
Nahezu jede Branche hat ihr kommerzielles Kundenerlebnis digitalisiert, sobald Kunden die Vorteile erkannt hatten.
Ich glaube, dass die Fertigungsindustrie dieselbe Richtung einschlagen wird.
Nicht weil Fabriken weniger wichtig werden.
Ganz im Gegenteil.
Fabriken werden sogar noch wichtiger werden.
Aber die Art und Weise, wie Kunden Fertigungsunternehmen finden, bewerten, beauftragen und mit ihnen zusammenarbeiten, wird grundlegend digital.
Ob dies in den kommenden zehn Jahren 30 Prozent, 50 Prozent oder noch mehr des Geschäfts betrifft, lässt sich nicht vorhersagen.
Wovon ich jedoch überzeugt bin, ist Folgendes:
Fertigungsunternehmen, die heute damit beginnen, digitale Vertriebskompetenzen aufzubauen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber jenen haben, die warten, bis sich die Erwartungen ihrer Kunden bereits verändert haben.
Abschließende Gedanken
Als ich Oroox gegründet habe, bestand meine Vision nie einfach darin, eine Angebotssoftware zu entwickeln.
Meine Vision war es, Fertigungsunternehmen dabei zu unterstützen, ihren Kunden den Einkauf kundenspezifischer Fertigungsteile deutlich einfacher zu machen.
Im Laufe der Jahre ist diese Vision gewachsen.
Heute glaube ich, dass Online Manufacturing für etwas wesentlich Größeres steht als für Software.
Es steht für die Weiterentwicklung des industriellen Handels selbst.
Die Fertigungsunternehmen, die im kommenden Jahrzehnt erfolgreich sein werden, werden weiterhin in hervorragende Produktionsmöglichkeiten investieren.
Aber sie werden ebenso konsequent in ein hervorragendes Einkaufserlebnis investieren.
Denn letztlich beginnt jedes gefertigte Bauteil lange bevor der Laser zu schneiden beginnt.
Es beginnt mit der Entscheidung eines Kunden, welches Fertigungsunternehmen am einfachsten, schnellsten und vertrauenswürdigsten in der Zusammenarbeit ist.
Meiner Meinung nach wird diese Entscheidung zunehmend online getroffen werden.
Über den Autor
Markus Hannes Winter ist Gründer und CEO der Oroox AG, einem Softwareunternehmen mit Schwerpunkt auf Online Manufacturing, Manufacturing Commerce und digitaler Vertriebsautomatisierung für die Fertigungsindustrie. Seit mehr als 12 Jahren entwickelt er industrielle Softwarelösungen und arbeitet mit Fertigungsunternehmen in Europa, Nordamerika, Australien, dem Nahen Osten und Asien zusammen, um Angebotsprozesse, Auftragsmanagement, Engineering-Workflows und die Zusammenarbeit mit Kunden zu digitalisieren.
Die in diesem Artikel dargestellten Meinungen sind meine persönlichen Einschätzungen und basieren auf meiner beruflichen Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Fertigungsunternehmen weltweit.